Vom Wald der Schilder
Wenn einer sich durchschaut hat, wenn er sieht, wie der Leib arbeitet, wie ein Strom im Inneren wirkt, den ich Ochse nenne, der aber nicht verschieden ist vom Leib und somit der Leib selbst ist; wenn er sieht, dass dieser ein Ich aussendet, Kundschafter von mir genannt, der ihm die Welt in Begriffe wandelt, die er überall daraufklebt, damit er sich zurechtfinden und dem Ochsen den Weg weisen kann: dann kommt die Stunde, da sich der Kundschafter, das Ich, in dieser Welt der Begriffe so wohl fühlt, dass er die Wirklichkeit nicht mehr braucht. Er hat die Arbeit getan und wird sie nur wiederholen, wenn sich das ändert, was darunter liegt. Er sieht nur noch die Schilder, aber den Wald nicht mehr.
Dukkha, die Kette des bedingten Entstehens, die Vier Edlen Wahrheiten, Nirvana: Schilder, allesamt. Schmerz, Alter, Hunger, Freude, Lust, Furcht und Tod: auch das sind Schilder. Doch nimmt man diese ab, ist da noch etwas. Nimmt man Nirvana ab, bleibt nur das Schild in der Hand.
Leib, Ochse, Kundschafter, Fleisch, das sind Begriffe vom Laienbruder, meine Gedanken. Für Leib und Fleisch steht die Wirklichkeit dahinter, in der Gestalt meines Leibes, meines Fleisches. Für Ochse und Kundschafter steht nichts Eigenes dahinter. Es sind Namen, die ich Vorgängen meines Leibes gegeben habe. Und doch ist es der Kundschafter, der hier gerade aufs Pergament schreibt. Selbst Wirklichkeit ist nur ein Schild, ein Wort wie die anderen. Allein: nimmt man es ab, steht etwas dahinter.
Wenn man so lebt, hat das Folgen!
Wenn ein strenger Übender statt der Wirklichkeit nur noch Schilder sieht, auf denen dukkha steht, damit er dort nicht anhafte, dann wird sein Leben nach diesen Schildern geordnet sein. Wo Freude ist, sieht er ihre Vergänglichkeit; wo Lust ist, ihren Durst; wo Liebe ist, den kommenden Verlust. Das Schild steht immer schon da, ehe er sieht, was darunterliegt. Aber wo soll er hin, wenn auf allem dukkha steht? Gewiss, Nirvana ist sein Ziel. Nur findet er es nirgends, denn auch Nirvana steht auf einem Schild. Wo also soll der Kundschafter hin, der immer eines Zieles bedarf, einer Aufgabe, denn nur dazu ist er da? Was immer er findet, wird er erkennen, benennen und sogleich mit einem neuen Schild versehen. Er müsste sich selbst zurücklassen. Aber er kann sein eigenes Verschwinden nicht befehlen. Denn jeder Befehl käme wieder von ihm.
Gleichwohl muss einer hindurch!
Der Buddha und die Geschlechter nach ihm waren schlau. Ob sie es wussten oder nur fanden, was wirkte, vermag ich nicht zu sagen. Schon die Lehre selbst stellt dem Kundschafter eine Aufgabe, die er nicht lösen kann: Er soll Nirvana erreichen, um dem Rad der Geburten zu entkommen. Doch wie soll er etwas erreichen, das er weder kennt noch erkennen kann, ohne sogleich ein neues Schild daran zu heften? Solange einer ankommen will, ist er noch unterwegs.
Die Geschlechter nach ihm machten daraus ihre Übungen. Sie stellten dem Kundschafter Aufgaben, an denen er zuletzt scheitern muss. Manche durch lange Zeiten stillen Sitzens, die kein Kundschafter erträgt, der jeden kleinen Schmerz sogleich mit seinem „Ich will hier weg“ zu etwas Grossem macht. Andere durch eine Denkaufgabe, die durch Denken nicht zu lösen ist.
Und eines Tages kann er nicht mehr, der Kundschafter. Er gibt nicht auf, denn auch das wäre noch eine Tat. Es gibt nichts mehr für ihn zu tun. Für einen winzigen Augenblick ist er fort.
Klack.
Tandaradei.
Und dann ist er wieder da.
Und deshalb ist es wichtig, die Schilder mit Bedacht abzunehmen und sich dem zuzuwenden, was dahinter steht.
Nicht Apfel, sondern hineinbeissen!
Als mich der Bruder neulich besuchte, wollte er mein Leben als Klausner kennenlernen. Ich hätte es ihm erklären können. Aber das wären nur neue Schilder gewesen, die er sich in seinen Garten gestellt hätte. Also drückte ich ihm meine zweite Sense in die Hand. Er arbeitete neben mir, wir reinigten die Sensen, wir assen, wir schliefen. Und so lernte er mein Leben als Klausner kennen, am eigenen Leib, ohne Schilder.