Der Besuch
Ich war seit Tagen ausserhalb der Klause beim Sensen zugange. Das Gras stand hoch, viel war getan, doch viel lag auch noch vor mir. Mein Pergament, das ich während der Nachtwachen über den Dharma bei Kerzenschein geschrieben hatte, klang in mir nach. So ist es allemal, und ich sah es an mir geschehen: wie der Druck, etwas herauszupressen, den Leib verlässt gleichwie die Luft aus einem geblähten Schweinsdarm. Es setzte sich. Beim Sensen hatte ich Zeit genug zum Sinnen, denn der Ochse bedurfte meiner nicht, er wusste um den Gang der Sache aus zahllosen Wiederholungen vergangener Tage. Doch war da nichts zu sinnen, und so schaute ich dem Ochsen beim Sensen zu, mit leerem Kopf.
Mein Blick schweifte den Weg entlang bis zum Horizont. Da sah ich eine kleine Gestalt, sich regend, langsam grösser werdend. Nanu, dachte ich, sollte mir Besuch kommen? Wir werden sehen, und senste weiter.
Nach einer Weile war die Gestalt nahe herangekommen. Ich erkannte, dass sie ein Gewand trug wie ich und einen langen Stock in der Hand, zur Hilfe auf der Wanderung. Die Gestalt winkte, ich winkte zurück, und dann stand er vor mir.
"Ich grüsse Euch, werter Bruder", sprach er und verneigte sich, "auch ich bin ein Laienbruder und komme von weit her, hinter der Stadt, dort am Horizont."
Auch ich verneigte mich, die Sense in der Hand. "Nun, das ist eine Überraschung, noch ein Laienbruder. Seid Ihr auf der Durchreise, Bruder?"
"Nein, Bruder. Die Klause hier zwischen den Flüssen ist mein Ziel. Ich habe von Euch gehört und wollte mit eigenen Augen sehen, wie Ihr lebt als Klausner. Ich selbst habe die Abgeschiedenheit etliche Male versucht, doch war es nicht von Erfolg gekrönt. Und so machte ich mich auf den Weg zu Euch, um es mir anzuschauen."
"So, so", entgegnete ich, nahm den Wasserschlauch vom Gürtel und reichte ihn ihm, "hier, trinkt, Ihr müsst durstig sein." Es war warm, und er trank den Schlauch in einem Zuge leer.
Ich drückte ihm die Sense in die Hand und sprach: "Haltet dies, ich bin gleich zurück." Dann ging ich zur Klause und holte die zweite Sense, die ich erworben hatte für den Fall, dass die erste zerbräche.
Zurück beim Bruder, nun jeder mit einer Sense, sprach ich zu ihm: "Nun, Ihr wollt wissen, wie ich lebe. So lasst es uns gemeinsam tun, dann wisst Ihr es. Ihr senst diesen Teil und ich den dort drüben." Und liess ihn stehen, verdutzt drein blickend. Ich ging hinüber zu meinem Bereich und liess den Ochsen die Sense führen, während ich zu ihm hinüber lugte. Ich musste unwillkürlich lächeln. Ungeschickt führte er die Sense, und sein Ochse wusste mit dem Gerät ebenso wenig anzufangen wie sein Herr. Ein paar Mal ging ich hin und zeigte ihm, wie man die Sense führt, und allmählich sah ich, wie er es leidlich hinbekam. Und so sensten wir den ganzen Tag bis zum Abend, ohne ein Wort zu wechseln.
Bei Einbruch der Dämmerung spülten wir gemeinsam die Sensen mit Wasser und reinigten sie. Sodann zeigte ich ihm, wie man sie zu schleifen hatte, auf dass sie am nächsten Tage sauber durch das Gras schnitte. Der Bruder mühte sich redlich, doch fragte er sich wohl, warum er den weiten Weg auf sich genommen hatte. Als alles verrichtet war und die Sensen sauber und frisch geschliffen an ihrem Platze hingen, betraten wir die Klause. Ich entzündete das Feuer unter dem Herd, um uns einen Brei zu kochen. Dann assen wir gemeinsam, schweigend die ganze Zeit, und mir war, als wäre ich allein. Ich hiess ihn die Schalen waschen, während ich sein Nachtlager bereitete, das eigentlich das meine war.
"Ihr solltet nun Eure Ruhe halten, Bruder. Ihr seht erschöpft aus", sprach ich zu ihm. Er war sichtlich ermüdet, das sah man ihm an. Er war der Arbeit nicht gewohnt.
"Habt Dank, Bruder. Doch wo geht Ihr zur Ruh, wenn ich fragen darf?", fragte er noch, und es schwang wohl die Befürchtung mit, ich wolle mich zu ihm legen.
"Ich werde diesen Lehnstuhl einnehmen, Bruder, zur Nachtwache über den Dharma", sprach ich, und Erleichterung huschte über seine Züge.
"Nachtwache über den Dharma? Was, bitte, ist das?", fragte er verdutzt.
"Ich werde es Euch morgen zeigen, Bruder. Nun geht zur Ruh." Ich machte es mir im Lehnstuhl gemütlich und löschte die Kerzen.
* * *
Als die Sonne aufging, wurde ich wach. Ich war auf dem Lehnstuhl sofort eingeschlafen. Es war kalt in der Klause, und mich fröstelte, als ich aufstand und nach draussen ging, um mich auf die Bank vor der Klause zu setzen. Für mich ist es die schönste Zeit des Tages, wenn die Natur erwacht. Und so sitze ich hier eines jeden Morgens, stopfe mir eine Pfeife und schaue dem Schauspiel zu.
Nach etwa einer Stunde ging die Klausentüre auf, und der andere Bruder erschien. Wir begrüssten uns, und ich zeigte ihm Wassereimer und Salz, um frisch zu werden und die Zähne mit Salz zu reiben. Sodann bereitete ich Grütze, einen Kanten Roggenbrot für jeden und einen Becher Milch. Wir assen schweigend am Tisch in der Klause. Wieder war mir, als wäre ich allein. Dieser Bruder strahlte keinerlei Spannung aus, die sich auf mich übertragen hätte. Das fand ich schon bemerkenswert.
Doch dann fühlte ich es doch, als er seine Frage stellte, die ihm auf den Nägeln brannte: "Was ist denn nun eine Nachtwache über den Dharma, Bruder?"
"Nun", entgegnete ich, "das ist eigentlich nichts Besonderes. Wollte man es kurz halten, so könnte man sagen, ich male in dieser Zeit mein Bild vom Dharma weiter. Ich sinne über eigene Erfahrungen und Erlebnisse und wie sie zu dem Dharma stehen. Jeder Tag bringt etwas Neues, Altes wird verworfen, und so entsteht ein Bild, das ziemlich nahe an meiner Wahrheit ist. Und so geht es fort. Manches Mal finde ich sogar einen neuen Weg oder eine Gabelung. Und so male ich jeden Tag weiter, immer während der Nacht. Nur heute Nacht nicht, denn auch mich hatte das Sensen erschöpft, und ich schlief sogleich ein."
Der Bruder schwieg zunächst, dann antwortete er, während er mich prüfend anschaute: "Was ist denn Euer Bild, gerade jetzt, vom Dharma?"
"Fürwahr, Bruder, gerade jetzt kann ich Euch nichts bieten, denn der Dharma ist immer neu. Doch vor ein paar Tagen habe ich ein Bild zu Pergament gebracht, so will ich es Euch zeigen", sagte ich mit einer gewissen Freude, ging zu der Kiste, in der ich mein Geschreibsel aufbewahrte, und zog den dicken Packen beschriebenen Pergaments hervor, der meine letzten Aufzeichnungen enthielt.
Ich knallte es ihm auf den Tisch und sprach: "Der Pfad des Fleisches."
Ungläubig schaute er erst den Packen an und dann mich.
"Ihr seid doch des Lesens mächtig?", fragte ich.
"Gewiss, gewiss, Bruder, das bin ich."
"Gut. Dann macht es Euch hier wohl, während ich draussen weiter sense. Später könnt Ihr mir Eure Ansichten mitteilen."
Ich stand auf und verliess die Klause.
* * *
Als die Mittagssonne hoch stand, ging ich zur Klause zurück, stellte die Sense an die Wand und betrat den Raum. Der Bruder sass noch am Tisch, der Packen Pergament lag sauber gerichtet neben ihm.
"Wie ich sehe, habt Ihr es gelesen, Bruder", sprach ich ihn an, während ich mich ihm gegenüber an den Tisch setzte, "nun, was sind Eure Ansichten dazu?"
"Bruder, mein eigentliches Ansinnen war, zu sehen, wie Ihr als Klausner lebt. Das habt Ihr mir eindrucksvoll gezeigt", sprach er und drehte mir seine Handflächen zu, auf denen Blasen zu sehen waren. "Das Werk ist beeindruckend, doch möchte ich eigentlich nicht in Gegenrede zu Euch treten."
Verdutzt schaute ich ihn an. In Gegenrede? Worüber? Ich hatte doch alles so fein säuberlich herausgeschnitten und in einen Pfad zum Anfassen verwandelt, ohne dass man den Glauben bemühen muss. Alles war so wirklich wie der Tisch, an dem wir sassen. Man musste sich nur darauf einlassen, auf den Leib.
"Sprecht einfach, Bruder", entgegnete ich und lehnte mich zurück.
"Wie Ihr wollt. Man kann es so sagen, dass ich in dem Teil der Lehre zu Hause bin, den Ihr abgeschnitten habt. Das ist mein Bild des Dharma, und soweit ich es überblicken kann, ist es die Lehre des Erwachten. Ich habe es über viele Jahrzehnte geprüft", fing er an.
"Alles führt zurück auf den Beginn meiner Suche. Ich hörte von einer Art und Weise, wie man den Kontakt zum feinstofflichen Leib herstellen kann. Diese Weise ist einfach zu befolgen. Während des Einschlafens hält man das Bewusstsein wach. Es braucht einige Zeit der Übung, doch dann nimmt man wahr, wie der Leib in den Schlaf fällt, während das Bewusstsein es nicht tut. Im weiteren Verlauf, über viele Versuche, tritt der feinstoffliche Leib aus dem Fleisch."
Ungläubig schaute ich ihn an und erwiderte: "Sollten wir nicht die Klinge des Leibes an Euer Erlebnis legen, auf dass Ihr frei werdet von diesem Zeug?" Denn ich war der festen Ansicht, dass er sich von der Wahrheit entfernte, wenn er im Jenseits suchte, dort, wo es der Leib nicht bezeugen kann.
"Ihr versteht mich nicht, Bruder. Kennt Ihr das, wenn etwas vom Glauben zum Wissen wird? Bei mir war es so mit dem feinstofflichen Leib. Er ist wie mein Fleisch, nur aus feinem Stoff. Ich weiss es."
Natürlich wusste ich, was er meinte mit Wissen. Auch mir war es einst so gegangen, als frischer Junker, auf dem Kissen, als ich starb, das Bewusstsein erlosch und ein Geräusch von aussen den ganzen Betrieb wieder in Gang setzte, und sich bedingtes Entstehen vor meinem Bewusstsein entfaltete. Ein ganzes Leben hat es gedauert, dies zu verdauen. Und das Ergebnis ist der Pfad des Fleisches. Es schien also, als wäre dieser Bruder da auch hindurchgegangen, nur auf der anderen Seite. Nicht das Verlöschen des Bewusstseins, sondern dessen Erweiterung hatte er durchlebt, und dann sein ganzes weiteres Leben in diese Richtung gesucht.
"Dieser feinstoffliche Leib, hat er Arme, Beine, Haare, Ohren, Augen? Wozu hat er die, wenn er sie nicht braucht?", versuchte ich ihn ein letztes Mal zu verunsichern, wohl aber schon im Glauben, dass ich es nicht könnte, denn der Bruder war sich sehr sicher.
"Ich habe mit meiner Erkenntnis aufgehört zu üben, denn ich wusste es dann. Doch ich konnte die Finger bewegen und die Handflächen aneinanderlegen", entgegnete er.
Ich schwieg, weil ich wusste, dass die Lehre ihn stützte. Ich hatte all das gelesen und verworfen, weil ich den Leib ins Zentrum setzte. Doch genau an dieser Naht schied sich unser Weg. Da gab es keine Brücke, die hinüberreichte. Während ich den Weg des Leibes ging, gestützt durch meine tiefe Erfahrung, so ging er den Weg jenseits des Leibes, den des Geistes, gestützt durch seine tiefe Erfahrung. Und während meine Welt nüchtern blieb, so spannte seine Welt den ganzen mystischen Teil der Lehre auf, mit feinstofflichem Leib, unendlichem Bewusstsein, Höllen- und Götterwelten, Wiedergeburten. All das hatte ich abgeschnitten.
In mir machte sich Zweifel breit. Hatte ich mich geirrt? Hatte ich mir die Lehre einfach auf den Leib geschneidert? Dieser Bruder da, dessen Sicherheit wirkte wie ein Fels, war der Grund meines Zweifels. Zugleich war ich erschöpft im Geiste, denn der Pfad hatte mich Monde des Nachdenkens während der Nachtwachen gekostet. Und das sollte nun alles hinfällig sein?
"Bruder", sagte ich zu ihm, und die Worte kamen mir schwer, "ich muss Euch bitten zu gehen. Mein Geist ist erschöpft. Ich muss ihn ruhen lassen."
Mehr brachte ich nicht hervor. Er schaute mich an, und ich glaube, er sah, wie es um mich stand.
Er nickte. "Dann bleibt mir nur, Euch alles Gute für Euren weiteren Weg zu wünschen, Bruder", sprach er und verneigte sich. Auch ich verneigte mich schweigend, und er zog von dannen.
Ich sah ihm nach, liess mich auf den Lehnstuhl fallen und starrte die Klausenwand an.
* * *
Irgendwann raffte ich mich auf und nahm die Sense wieder zur Hand. Die Arbeit musste getan werden. Während ich das Gras mähte, kehrten meine Gedanken immer wieder zu dem anderen Bruder zurück. Warum führte sein Pfad ihn dorthin und der meine hierher? Ich wusste nur, dass ich nicht er war.
Dass mein Pfad hierher führte und nicht dorthin, kommt von dem, was ich gelebt habe. Als Junker trieb es mich zu den Leibeskünsten, um mich zu messen in allem Ungestüm. Später, nun gesetzter und mit geschultem Leib, suchte ich nicht mehr den Gegner, sondern den eigenen Leib. Ich wollte erkennen, weshalb er lernte, weshalb er versagte und weshalb er über sich hinauswuchs. Und später lehrte ich andere. Da konnte ich sehen, wie sie wuchsen, die Jungen wie die Alten, die Begabten wie die Unbegabten. Blieb einer nur dabei, so veränderte sich sein Leib. Nicht plötzlich, sondern langsam, durch zahllose Wiederholungen. Er nahm das Neue an, verwarf das Untaugliche und machte sich selbst zu etwas anderem.
Hier liegt der Ursprung meines Pfades des Fleisches. Die Lehre des Erwachten fand ich erst später. Ich suchte sie nicht, um meinem Leben eine Richtung zu geben, denn die Richtung war längst da. Ich wollte nur erkennen, ob sie zu dem passte, was der Leib mich längst gelehrt hatte.
Als die Sonne unterging, bereitete ich mir das Nachtlager statt des Lehnstuhls. An eine Nachtwache über den Dharma war nicht zu denken. Der Leib verlangte nach Ruhe. So legte ich mich nieder.
Die Nacht war unruhig. Ich träumte viel und erwachte am Morgen wie zerschlagen.
Manche halten Träume für Wirklichkeit oder schreiben ihnen etwas Mystisches zu. Ich vermag das nicht. Für mich sind sie nichts anderes als das Werk des Leibes. Er lässt nichts verloren gehen. Was ihn erschüttert, arbeitet er weiter durch, auch wenn das Bewusstsein längst schweigt. Wie der Bauer das Heu nicht ungeordnet liegen lässt, sondern es wendet und setzt, bis es seinen Platz gefunden hat, so ordnet auch der Leib seine Erfahrungen. Was gestern noch fremd war, wird ihm allmählich vertraut.
Ich habe es mein ganzes Leben gesehen. Wer eine Leibeskunst übt, wächst nicht während der Übung, sondern in der Ruhe danach. Erst dort fügt der Leib zusammen, was vorher nur einzelne Bewegungen waren. Würde ich mein Leben lang nur sensen, so bekäme ich einen Leib für das Sensen. Wäre ich ein Baumkletterer, so formte sich mein Leib zum Klettern. So wächst der Leib immer dem entgegen, was man von ihm verlangt.
Warum sollte ich ihn also gering achten? Warum sollte ich ihn betrachten, nur um mich von ihm zu lösen, wie der Erwachte lehrt? Dass da kein festes Selbst ist, weiss ich auch so. Dazu brauche ich kein Leichenfeld. Solange ich lebe, will ich ihn erkennen, durch ihn erkennen und mit ihm leben. Denn auch wenn ich über den Leib nachdenke, so ist es wiederum der Leib, der dies tut.
Darum bleibe ich auf meinem Pfad. Nicht weil ich alles wüsste. Sondern weil ich keinen wahrhaftigeren Zeugen kenne als diesen Leib, der geboren wird, lernt, zweifelt, leidet und vergeht.