Der Pfad des Fleisches
Fürwahr, die Kunde, die uns der Erwachte aus den alten Zeiten überliefert hat, ist kein leichtes Brot für den Geist. Je tiefer ich mich in die Schriften beuge, desto deutlicher treten mir wackelige Stützen und Brüche im Gebälk vor Augen, Dinge, die nicht ineinandergreifen wollen und das Lehrgebäude auf tönerne Füße stellen. Doch der Erwachte selbst hat uns eingeschärft: Glaubt nicht den alten Schriften, glaubt nicht den Gelehrten auf den Kanzeln, sondern prüft ein jedes Wort an eurer eigenen Wahrheit. Und so will ich es halten.
Mein unumstößlicher Grundsatz ist dieser: Einzig der Leib ist der Zeuge. Alles, was wir erfahren, erleiden oder erstreiten, muss sich durch und über dieses sterbliche Fleisch erklären lassen. Wenn es also ein Erwachen gibt, wenn eine Befreiung von der Reibung der Welt möglich ist, dann ist es dieser hiesige, warme Leib, an dem und durch den es geschehen muss. Das ist der Pfad des Laienbruders. Jenseitige Träumereien und das Raunen der Mystiker haben auf diesem Boden keinen Platz.
In dem, was nun folgt, will ich die Lehre des Erwachten Schicht für Schicht freilegen und ein jedes Stück am Zeugnis des Leibes messen.
Das Karma, wie es gelehrt wird
Der Buddha sprach (AN 6.63):
„Die Absicht, ihr Mönche, nenne ich Karma."
Ehe sich fragen lässt, woher die Absicht kommt, ist zu klären, was sie ist. Sie ist ein Sich-Neigen auf ein Ziel, das der Tat vorausläuft. Dreierlei macht sie aus. Sie hat einen Gegenstand, denn sie ist Absicht auf etwas. Sie ist gerichtet, denn sie scheidet, dieses ja, jenes nein. Und sie läuft der Tat voraus, das innere Strecken vor dem Strecken der Hand. Das meint der Erwachte: erst das Sich-Neigen, dann das Wirken mit Leib, Rede und Sinn.
Daß er die Absicht so hoch stellt, ist kein Nebenwort. Vor anderen Predigern seiner Zeit, die das schwere Gewicht auf die Tat der Hand legten, hat er den Vorrang umgekehrt: Von der Tat des Leibes, der Rede und des Geistes wiegt ihm die Tat des Geistes am schwersten (MN 56). Nicht die Hand, die schlägt, sei das Karma in seinem Kern, sondern das Sinnen, das die Hand führt.
In der Kette, die der Erwachte vom Nichtwissen bis zum Leiden gespannt hat, steht das Karma an zweiter Stelle. Zuoberst das Nichtwissen; aus ihm gehen die Gestaltungen hervor, und diese sind, nach seinem eigenen Wort, das Wirken der Tat durch Leib, Rede und Geist. So ist das Karma dem Nichtwissen nachgeordnet und von ihm bedingt.
Doch der Erwachte fasst das Karma nicht allein als Glied in der Kette. Er nennt die Wesen Eigner ihres Karma und Erben ihres Karma, aus Karma geboren, an Karma gebunden, das Karma ihre Zuflucht (MN 135). Und mehr noch: Es sei das Karma, das die Wesen scheide in niedere und hohe. So ist die Tat bei ihm kein bloßes Tun, das verklingt, sondern ein Erbe, das den Stand des Menschen bestimmt, in den er kommt.
Der Leib, wie er gelehrt wird
Der Buddha sprach (SN 22.59):
„Der Leib ist nicht das Selbst."
Und er gab den Beweis gleich mit. Wäre der Leib dein Selbst, so würde er dir gehorchen. Du sprächest: bleib jung, und er bliebe; werde nicht krank, und er bliebe heil; vergeh mir nicht, und er stünde. Doch er hört nicht. Er altert, wann er will, erkrankt, wann es ihn trifft, und stirbt zu seiner Stunde, nicht zu deiner. Was dir nicht gehorcht, ist nicht dein eigen. Also ist der Leib nicht das Selbst.
Woraus aber ist er gefügt, dieser Leib, der dir nicht gehorcht? Die Lehre zählt es auf: aus vier Elementen ist er gemengt. Das Feste ist in ihm, das Erdige, was Knochen gibt und Zahn und Nagel. Das Flüssige ist in ihm, das Wässrige, was als Blut und Galle und Speichel rinnt. Die Wärme ist in ihm, das Feurige, was ihn durchglüht und die Speise verzehrt. Und die Bewegung ist in ihm, das Windige, was den Atem treibt und die Säfte wälzt. Mehr, so die Lehre, ist da nicht. Und keines davon, sagt sie, sei sein eigen: Die Erde in ihm ist dieselbe wie die des Ackers, das Wasser dasselbe wie das des Flusses, das Feuer dasselbe wie das des Herdes, der Wind derselbe wie der über dem Feld. Geliehen sei alles, und zurückzugeben, wenn er zerfällt.
So lehrt es der Erwachte weiter: Nicht nur der Leib ist solche Mengung, auch der ganze Mensch, den du dein Selbst nennst, sei nichts als ein Gezähltes. Fünf Haufen führt er auf, und aus ihnen, sagt er, ist alles, was du bist. Der erste ist die Form, der Leib selbst, von dem wir reden. Der zweite das Gefühl, das Angenehme und das Wehe. Der dritte das Wahrnehmen, das die Dinge bemerkt und scheidet. Der vierte die Regungen, die treiben und gestalten. Der fünfte das Bewusstsein, das um all dies weiß. Mehr, so seine Lehre, findest du nicht, wenn du dich zergliederst, und keiner dieser Haufen sei beständig, keiner trage einen Kern. Suchst du unter ihnen nach dem, der sie hat, nach einem Herrn der fünf, so greifst du nach seinem Wort ins Leere. Da sei niemand hinter ihnen; da seien nur sie.
Und damit der Mensch sähe, wohin dieser Leib geht, hieß der Erwachte ihn auf das Leichenfeld blicken. Sieh den Leichnam, sprach er, einen Tag, zwei Tage alt, aufgedunsen und blau und faulend. Sieh ihn, von Raben zerhackt, von Würmern durchwühlt. Sieh das Gerippe, noch von Sehnen gehalten, mit Fleisch und Blut beschmiert; dann ohne Fleisch; dann die Knochen, zerstreut nach allen Seiten; zuletzt gebleicht, vermodert, zu Staub. Und bei jedem Bild lehrte er den einen Spruch: Auch dieser mein Leib ist von gleicher Art, er wird so werden, er entgeht dem nicht.
Eines aber lehrte er noch am Leibe, und es ist von anderer Art als der Zerfall. Sieh auf den Atem, sprach er, der geht und kommt, ohne dass du ihn rufst. Im Schlaf geht er, in der Ohnmacht geht er, und wachst du auf, so hat er die ganze Nacht gewaltet, ohne dich. So nennt die Lehre ihn die Gestaltung des Leibes, das, was im Verborgenen den Leib im Gange hält. Es waltet, ohne dass der stolze Geist es heißt; es waltet am besten, wenn er schweigt.
Das Rad der Wiedergeburten, wie es gelehrt wird
Der Buddha sprach (DN 15):
„Stiege das Bewusstsein nicht in den Mutterleib hinab, so gäbe es kein Werden."
So fragte der Erwachte seinen Schüler, und er führte es ihm Schritt um Schritt vor. Stiege das Bewusstsein nicht hinab in den Leib der Mutter, sprach er, so fände Name und Gestalt darin keinen Halt. Und stiege es hinab und entzöge sich wieder, so käme die Frucht nicht zur Reife. Und würde es dem Kinde abgeschnitten, das schon im Werden ist, so wüchse Name und Gestalt nicht heran. Also, schloss er, sei das Bewusstsein die Wurzel, der Grund, woraus Name und Gestalt entstehen. An die Schwelle zwischen Sterben und Werden stellt seine Lehre dies eine: ein Bewusstsein, das hinabsteigt.
Was aber treibt dies Rad, dass es sich immer aufs Neue dreht? Nicht ein Selbst, das hinüberwandert, lehrt der Erwachte, denn ein solches gibt es nach seinem Wort nicht. Es ist der Durst. In seiner ersten Predigt nannte er ihn die Wurzel allen Leidens: jenen Durst, der zum Wieder-Werden treibt, der bald nach diesem, bald nach jenem greift, der Durst nach Lust, der Durst nach Dasein, der Durst nach Nichtsein. Dieser Durst, sagt er, entzündet Geburt um Geburt, und die Tat des einen Lebens steuert, in welchen Stand das nächste fällt. So drehe sich das Rad durch alle Bereiche, durch Höllen und Tiere, durch Menschen und Götter, ein jeder geworfen, wie sein Durst und seine Tat es fügen.
Woher aber nahm der Erwachte all dies? Nicht aus Klugheit, sagt er, und nicht aus den Schriften der Alten, sondern aus eigenem Schauen. In der Nacht seiner Erwachung, so berichtet seine Lehre, habe sich ihm in der ersten Wache das Gedächtnis seiner früheren Leben aufgetan. Eine Geburt habe er erinnert, zwei, hundert, tausend, und durch ganze Weltzeitalter zurück, und zu jeder das Genaue: dort sei er so genannt gewesen, von solchem Stamm, solcher Gestalt, habe dies gegessen, dies an Freude und Leid erfahren, sei so gestorben und dort wieder erstanden. So habe er das Rad nicht erschlossen, sondern gesehen, Geburt um Geburt, mit allem, was darin war. Darauf, und nicht auf einen Beweis, gründet er die Kunde vom Wieder-Werden.
Doch wo ein Rad sich dreht, da lässt es sich auch anhalten. Versiegt der Durst, so lehrt der Erwachte, so versiegt das Wieder-Werden; nichts entzündet sich mehr, nichts steigt mehr hinab. Von dem, der ans Ende gelangt ist, spricht seine Lehre das eine Wort: Vernichtet ist die Geburt, kein neues Hiersein mehr. Das ist das Ziel, das er gewiesen hat, das Aussteigen aus dem Rade, das Verlöschen der Geburten.
Das Erwachen, wie es gelehrt wird
Der Buddha sprach (SN 22.58):
„Erwacht heißt, wer sich von Form und Gefühl, von Wahrnehmung, Trieb und Bewußtsein abkehrt, wem sie verblassen, in wem sie erlöschen, der nicht mehr nach ihnen greift und frei wird."
Was aber ist es, das da abkehrt, verblasst, erlischt? Die Lehre nennt es bei Namen: drei Feuer sind es, die im Menschen brennen. Das Feuer der Gier, das nach allem greift und nie genug hat. Das Feuer des Hasses, das stößt und wehrt und verbrennt. Und das Feuer der Verblendung, das nicht sehen lässt, wie die Dinge stehen. Solange diese drei brennen, sagt der Erwachte, dreht sich das Rad. Erwachen heiße nichts anderes, als dass sie ausgehen. Nicht ein Licht, das angeht, sondern ein Feuer, das verlischt; daher das Wort, mit dem er das Ziel benennt, das Verlöschen.
Dieses Verlöschen geschehe nicht auf einen Schlag, lehrt der Erwachte, sondern Stufe um Stufe, wie Ketten, die eine nach der anderen fallen. Zehn solcher Fesseln zählt er, die den Menschen ans Rad binden, und die erste, die fällt, ist der Glaube an ein Selbst. Wer sie löst, samt der nächsten zwei, der ist in den Strom getreten; ihm bleiben, so sein Wort, höchstens noch sieben Geburten. Wer weiter die Fessel der Gier und des Hasses schwächt, der kehre nur noch einmal wieder. Wer sie ganz abtut, der kehre nicht mehr in diese Welt zurück. Und wer alle zehn gelöst hat, dem falle keine Geburt mehr zu; er ist der Heilige, der Vollendete. So misst die Lehre den Rang des Erwachens an der Zahl der Geburten, die noch ausstehen: sieben, eine, keine.
Wie aber steht es um den Vollendeten, solange er noch atmet? Die Lehre scheidet hier zweierlei. Schon zu Lebzeiten seien ihm die Feuer erloschen: Er geht umher, isst, altert, doch in ihm greift und stößt und blendet nichts mehr; das ist das Verlöschen, an dem der Leib noch bleibt. Wenn dann der Leib zerfällt, so komme das andere, das Verlöschen ohne Rest: kein Bewusstsein steigt mehr hinab, keine Geburt folgt, das Rad steht für immer still. Das, sagt der Erwachte, sei das Ende des Leidens, das letzte Ziel, um dessentwillen er den Weg gewiesen hat: das Ausgehen, das nichts mehr nach sich zieht.
Der Leib, wie er wirklich waltet
Bis hierher habe ich nachgesprochen, was der Erwachte gelehrt hat, und es stehen lassen, wie es steht. Nun aber will ich selbst reden. Denn die Lehre hat uns den Leib gezeigt, wie er zerfällt, auf dem Leichenfeld, als geliehene Mengung, als Sack ohne Kern. Das ist wahr, und doch ist es nicht der ganze Leib. Eh ich ihn vor den Richterstuhl der Erfahrung führe, muss ich ihn ansehen, wie er nicht im Tode liegt, sondern im Leben waltet. Denn nur, wer gesehen hat, was dieser Leib vermag, wird begreifen, warum ich ihn und keine andere Macht zum Zeugen nehme.
Sieh zuerst auf das, was in dir geschieht, ohne dass du es heißt. Dein Herz schlägt, und du hast es nie schlagen geheißen; es schlug, ehe du wusstest, dass du eines hast, und es wird schlagen, wenn du längst an anderes denkst. Das Blut geht seine Runde, die Speise wird zerlegt und an tausend Orte verteilt, die Wunde schließt sich von selbst, der gebrochene Knochen fügt sich wieder, ohne dass du wüsstest, wie das zugeht. Müsstest du es selber tun, du wärst verloren; du wüsstest nicht einmal, wo anzufangen. Und doch geschieht es in dir, Tag und Nacht, dein Leben lang, ohne Fehl. Das ist das Mühlwerk, das im Stillen seine Räder dreht und die Last des Daseins trägt, ohne dass der stolze Geist es je bemerkt.
Steig nun eine Stufe höher, zu dem, was der Leib dir vor die Augen und Ohren stellt. Du meinst, du sähest die Welt, wie sie ist, und hörtest sie geradeheraus. Doch was geschieht, eh du auch nur hinblickst? Ein Licht fällt ins Auge, und der Leib macht dir daraus Farbe und Ferne, Gestalt und Ding. Ein Zittern der Luft trifft das Ohr, und er macht dir daraus Klang und Wort und Stimme. Ein Druck auf die Haut, und er macht dir daraus die ganze feste Welt, an die du dich lehnen kannst. Keines davon hast du getan. Der Leib hat dir die Welt schon gebaut und hingestellt, fertig, ehe dein Wille auch nur erwacht. Du wohnst in einem Haus, das er dir aufrichtet, und hältst es für die nackte Welt.
Und nun sieh auf dein Tun. Du greifst nach dem Becher, und deine Hand weiß tausend Griffe, ohne dass du einen Finger eigens lenkst. Du gehst über den Hof, und deine Beine tragen dich, während dein Sinn ganz woanders weilt. Du sprichst, und die Worte liegen dir auf der Zunge, gefügt und geordnet, ehe du sie gesucht hast. Was du einst mühsam lerntest, Schritt um Schritt, das tut der Leib nun von selbst, und je besser er es kann, desto weniger weißt du noch davon. Dein Wille reicht ihm nur die Richtung; den ganzen Vollzug, das tausendfache Gefüge der Glieder und Muskeln, besorgt er allein. Du befiehlst das Ziel, und er kennt den Weg.
Doch das Höchste hat der Leib sich aufgespart, und es ist so erstaunlich, dass die meisten es für einen Gast aus einer anderen Welt halten. Dieser Leib bringt ein Ich hervor. Er bildet in sich einen, der „ich" sagt, der sich von der Stunde lösen kann, der Vergangenes heraufruft und Künftiges entwirft, der sinnt „wäre es so" und „täte ich dies", ohne dass ein Glied sich rührt. Kein Tier vermag das so wie der Mensch. Nimm ein Bild dafür, wie es ein jeder kennt, der mit Vieh gearbeitet hat. Der Leib ist wie ein Ochse, schwer und stark und von altem Triebe geführt, der seine gewohnten Pfade zieht und sich nicht überreden lässt. Das Ich aber ist wie ein Kundschafter, leicht und vorausgesandt, der dem Ochsen den Weg erspäht, ehe der ihn geht.
Sieh, was dieser Kundschafter vermag. Er geht den Pfad voraus, den der Ochse noch nie gegangen ist, schreitet ihn ab im bloßen Sinnen, prüft, wo er trägt und wo er in den Abgrund führt, und das alles, ohne dass der Ochse einen Huf gerührt hätte. Hat er einen guten Weg gefunden, so führt er den schweren Ochsen hin, ein ums andere Mal, mit Mühe erst, denn der Ochse will zurück auf seine alten Pfade. Doch führt er ihn oft genug, so wird aus dem neuen Weg ein gegangener, und zuletzt geht der Ochse ihn von selbst, als wäre er nie anders gegangen. So legt der Leib sich neue Bahnen an. Nicht der Kundschafter trägt die Last, der Ochse trägt sie; aber der Kundschafter hat ihm den Weg gewiesen. Was der Leib nicht kann, das kann ich ihm beibringen, indem ich vorausgehe und ihn nachziehe, bis er es selber kann.
Und nun geschieht das Seltsamste von allem, das kein Tier vermag. Der Kundschafter kann sich umwenden und auf den Ochsen zurückblicken, der ihn ausgesandt hat. Er kann den Leib betrachten, der ihn trägt, kann seine eigenen Antriebe ansehen, das Greifen und das Stoßen, und kann sie benennen. Er wird sich selbst zum Gegenstand. Und wendet er sich weit genug zurück, so muss er erkennen, was ihm zuerst nicht in den Sinn will: dass er nicht der Herr des Ochsen ist, der ihn ritte und besäße, sondern selbst nur ein Spähen dieses Ochsen, von ihm ausgeschickt und wieder einzuholen. Nicht der Kundschafter hat den Ochsen, der Ochse hat den Kundschafter. Das Ich sitzt nicht im Leibe wie ein Herr in seinem Hause; es ist ein Werk des Leibes, sein feinstes, das er hervortreibt und wieder einzieht.
Und kann der Leib das Ich hervortreiben, so kann er es auch wieder einziehen. Der Kundschafter kehrt heim und schweigt, der Ochse aber bleibt und atmet weiter; im Schlaf ist es so, in der tiefen Stille ist es so. Das Ich ist nicht das Leben; es ist ein Vermögen des Lebens, das sich einschalten und auch wieder ablegen lässt. Der Leib aber bleibt unter allem, das Erste und das Letzte.
Das also ist der Leib, den die Lehre nur zerfallen sah: nicht ein Sack ohne Kern, sondern das, was verdaut und heilt, was mir die Welt baut, was sich selbst schult und mein Ich hervorbringt und wieder zurücknimmt. Auf ihm ruht alles, was ich bin; nichts an mir, das nicht durch ihn geschähe. Darum, und nur darum, nehme ich ihn zum Zeugen und zum Richter. Nicht weil er ohne Fehl wäre, sondern weil es nichts gibt, das tiefer läge als er. Was sich vor ihm nicht verantworten kann, hat keinen Boden. Und nun will ich die Lehre vor ihn führen.
Die Prüfung der Lehre am Leib
So steht der Zeuge nun aufgerichtet, und ich lege ihm die Lehre vor, Stück um Stück. Eine einzige Frage stelle ich an jedes: Bezeugt der Leib es, oder ist es ihm bloß angehängt? Was ich im Leben an mir selbst finden, ertasten, erleiden kann, das gilt. Was sich erst jenseits des Todes zutragen soll, wohin kein Leib mir folgt und von wo keiner zurückkehrt und Kunde bringt, das hat vor diesem Richter keinen Stand. Nicht weil es gewiss falsch wäre, sondern weil es unbezeugt ist, und der Unbezeugte darf nicht mitreden, wo es um den Grund geht. Mit diesem einen Maß gehe ich an die Lehre, und ich sage es gleich: Das meiste wird bestehen. Nur an einer Naht wird es reißen, und an dieser Naht hängt mehr, als es zuerst scheint.
Zuerst das Größte, das ich an seiner Lehre bewundere, und ich will es nicht kleiner machen, als es ist. Der Erwachte denkt nicht in Seelen und nicht in Wesen, die da wandern. Wo die Pfaffen aller Länder ein Ich setzen, das den Leib verlässt und in einen neuen fährt, da sieht er klarer: Es gibt kein solches Ding. Was er sieht, ist ein Strömen, ein Fortwirken ohne einen, der es trägt, dies aus jenem und jenes aus dem nächsten, ohne dass etwas Festes die Stationen durchliefe. Nicht derselbe sei der Geborene wie der Gestorbene, sagt er, und auch nicht ein anderer. Das ist tief gesehen, tiefer als alles, was die Priester je gewagt haben. Er hat das Wandern abgeschafft und das Strömen behalten.
Doch nun frage ich: Was ist dieses Strömen, das er sah? Ich kenne es, ein jeder kennt es, der Augen hat. Es ist das Strömen des Lebendigen selbst, das Werden und Vergehen, in dem nichts steht und alles aus anderem kommt. Das Korn fällt und treibt neues Korn, das Tier wirft sein Junges, der Wald wächst aus dem morschen Wald, und kein Ding bleibt, und doch reißt der Strom nie ab. Das, was der Erwachte Samsara nennt, das rastlose Sich-Drehen, ist nichts anderes als dies: die Natur, der ganze atmende Lauf der Welt, wie er vor unsern Augen liegt. Er hat ihr einen heiligen Namen gegeben und ein Ziel daran gehängt; doch genannt hat er die Natur. Und nun sieh, wie dieses Strömen trägt, wo immer wir es fassen können: Der geworfene Stein fliegt, weil der Wurf in ihm fortlebt, im Stein, der fliegt. Das Korn kommt aus dem Korn, durch den Samen, der von einem zum andern geht. Das Feuer springt weiter, doch nur, wo es einen Span findet, auf den es überspringt. Nirgends wirkt etwas fort ins Leere; überall trägt ein Ding, ein Leib, ein Stoff die Wirkung hinüber. Das Strömen ist niemals ohne das, was strömt.
An einer einzigen Stelle aber soll dies Gesetz nicht gelten, und es ist gerade die Stelle, auf die alles ankommt. Wenn der Leib stirbt und zerfällt, wenn kein Stein mehr da ist, der den Wurf trüge, kein Span, auf den das Feuer überspränge, dann, sagt die Lehre, ströme das Karma dennoch weiter und entzünde ein neues Leben. Da soll ein Wirken hinübergehen ohne ein Ding, das es hinüberträgt; ein Strömen ohne das, was strömt. Überall sonst hat der Erwachte recht gesehen, dass nichts ins Leere fortwirkt; nur hier, am Tode, verlangt er, dass wir es glauben. Und hier verweigert sich mir der Leib. Denn dies ist die einzige Brücke der ganzen Lehre, über die kein Leib mehr geht und von der keiner zurückkommt und Zeugnis gibt. Was über sie hinüberreicht, ist nicht bezeugt, sondern gesetzt. Genau an dieser Naht reißt es.
Und nun will ich nicht hochmütig werden und tun, als wüsste ich, was der Erwachte nicht wusste. Auch ich stehe vor dem Strom und sehe nur sein Fließen, und das Gesetz, nach dem er fließt, ist auch mir verborgen. Doch eines sehe ich, was ein jeder Bauer sieht, und es genügt. Das Kind gleicht dem Vater, in der Nase, im Jähzorn, im Gang; was in den Eltern war, kehrt im Kinde wieder, ohne dass eine Seele gewandert wäre. Der Bauer nimmt den stärksten Stier zur Zucht und das beste Korn zur Saat, und über die Geschlechter wandelt sich ihm das Vieh und die Frucht, wird größer oder hält besser, je nachdem er wählt. Und der Hass einer Sippe, eine alte Blutfehde, brennt in den Enkeln weiter, die den ersten Streit nie sahen. Das alles geschieht im Fleisch und durch das Fleisch, von Leib zu Leib, durch Zeugung und Geburt. Mehr muss ich nicht wissen, um zu sehen, dass das Band der Geschlechter ein leibliches ist und keine wandernde Seele braucht.
So sehe ich denn, was dem Erwachten verborgen blieb, nicht weil er minder sah als ich, sondern weil keiner es wissen konnte vor langer, langer Zeit. Er sah den Strom richtig und musste doch raten, wie er trägt; und wo ihm das Wissen fehlte, setzte er ein Heiliges an die Stelle, die später das Schlichte füllen sollte. Wo er sagt, das Karma bestimme den Stand des nächsten Lebens, da sehe ich das Erbe, das den Leib des Kindes prägt. Wo er ein Bewusstsein in den Mutterleib hinabsteigen lässt, um Leben an Leben zu knüpfen, da sehe ich das leibliche Band der Zeugung, das wirklich von Leib zu Leib geht. Wo er ein früheres Leben schaut, das in diesem nachwirkt, da sehe ich das Drängen der Vorfahren, das in uns weiterbrennt, das uralte aus der Tiefe der Geschöpfe und das nahe aus Vater und Mutter. Und wo er die Wesen durch die Bereiche wandern lässt, da sehe ich das Werden und Vergehen der Geschöpfe selbst, wie eine Art aus der anderen hervorgeht über Zeiten, die kein Mensch übersieht. Jedem heiligen Bild steht ein nüchternes gegenüber, und das nüchterne ist im Fleisch bezeugt.
Ist aber der Träger gefallen, so fällt mit ihm noch anderes, das auf ihm ruhte. Die Lehre maß den Rang des Erwachten an der Zahl der Geburten, die ihm noch blieben: sieben dem einen, eine dem andern, keine dem Vollendeten. Doch wer soll diese Geburten haben, wenn keiner hinübergeht? Es ist niemand da, dem man sie zuzählen könnte. Und seltsam ist es ohnehin: Die allererste Fessel, die der Erwachte fallen lässt, ist der Glaube an ein Selbst. Kaum aber hat er das Selbst verabschiedet, da führt er die Rechnung der Leben wieder ein, sieben und eine und keine, als wäre da doch einer, dem sie gehören. Mit der einen Hand nimmt er das Selbst, mit der anderen reicht er es als Zählung der Geburten zurück. Nimm den Träger fort, und die ganze Zählung fällt; was bleibt, ist allein das, was sie messen sollte: dass in diesem Leibe die Gier erlischt, der Hass erkaltet, der Dünkel vergeht. Das ist bezeugt. Die Zahl der Leben ist es nicht.
Bleibt das Stärkste, worauf der Erwachte sein ganzes Rad gründet: dass er die früheren Leben mit eigenen Augen geschaut habe, Geburt um Geburt, durch die Weltzeitalter zurück. Ich glaube ihm, dass er schaute, und Gewaltiges schaute. Wer je tief in die Versenkung gegangen ist, weiß, dass dort Bilder aufsteigen, mächtiger und deutlicher als alles wache Erinnern, alt und fremd, als kämen sie von weit her. Gestalten treten auf, Szenen, ganze Leben, und das Ich erkennt sie nicht als die seinen, denn es hat sie nicht gerufen. Was aber steigt da auf? Ich deute es nicht als ein früheres Leben, sondern als die Tiefe dieses einen Leibes, der mehr birgt, als der wache Mensch je weiß: das Drängen der Vorfahren, das in ihm fortbrennt, die Bilder dessen, was er sah und hörte und träumte, all das, was unter der Schwelle liegt und im Wachen schweigt. Löst sich in der Versenkung das ordnende Ich, so steigt es herauf und fügt sich zu Gestalten, fremd wie ein fremdes Leben und doch das eigene Fleisch.
Eins aber bleibt mir, wenn ich all dies abgetragen habe, und es wiegt schwerer als alles Abgetragene. Habe ich recht, dass das, was er Samsara nennt, die Natur ist, der atmende Lauf der Welt, so steht am Ende seines Weges ein seltsames Verlangen. Denn er heißt uns, aus dem Rade auszusteigen, aus dem Strömen herauszutreten, das Wieder-Werden zum Stillstand zu bringen. Das aber heißt: aus der Natur heraustreten. Und hier muss ich, der ich den Leib zum Zeugen nahm, innehalten. Denn der Leib ist selbst Natur, ist Korn und Tier und Strömen, durch und durch. Er kann vieles bezeugen, doch das eine nicht: dass es ein Heraus gäbe aus dem, was er selber ist. Wohin sollte er treten, der nichts ist als ein Stück des Stroms? Der Erwachte will hinaus. Ich aber, der ich nur dem Leibe traue, gehe den anderen Weg: nicht aus dem Strom heraus, sondern in ihn hinein, bis auf seinen Grund. Davon will ich nun reden.
Der Weg des Fleisches
So will ich denn den Weg gehen, der nach innen führt, und ich gehe ihn auf dem einzigen Boden, den ich habe, dem Leibe. Denn alles, was mir je begegnet, begegnet mir durch ihn. Kein Klang erreicht mich als durch das Ohr, kein Licht als durch das Auge, kein Gedanke, der nicht in diesem Fleische aufstiege. Was immer mir widerfahren soll an Befreiung, es muss mir hier widerfahren, an diesem warmen, atmenden Leib, oder es widerfährt mir nirgends. Es gibt für mich keinen anderen Ort. Der Himmel, wenn es einen gibt, müsste durch diese Sinne kommen wie alles andere, und so ist auch er nur ein Zustand des Leibes. Darum suche ich nicht droben und nicht drüben, sondern hier.
Doch dieser Leib, der mir alles zuträgt, trägt mir die Welt nicht nackt zu. Über jede Wahrnehmung legt sich sogleich ein Zweites: das Drängen, das greift und stößt, das haben will und loswerden will, das nichts lässt, wie es ist. Kaum klingt der Ton, will ich ihn behalten oder fortschaffen; kaum trifft mich das Wort, regt sich Lust oder Groll. Dies Drängen ist es, was die Lehre Karma nennt, und es ist nicht müßig, denn es treibt den Kundschafter aus, von dem ich sprach. Wo etwas zu wollen ist, schickt der Leib das Ich voraus, dass es spähe, plane, greife. Das Ich ist das Werkzeug des Drängens, und solange gedrängt wird, ist das Ich am Werk. Der gewöhnliche Mensch nun, der von einer Befriedigung zur nächsten jagt, hält dies Drängen niemals an. Er stößt die Glocke an, kaum dass sie zu verklingen beginnt, und kennt darum den Klang der Stille nicht, der käme, ließe er sie nur ausschwingen. Sein Ich steht nie still, weil sein Karma nie still steht.
Wie aber soll dies Drängen je zur Ruhe kommen, wenn es der Ochse selbst ist, der es treibt? Hier ist der erste Schritt, und er wird oft übersprungen, als ginge die Stille von selber auf. Sie geht nicht von selbst auf. Ehe ich das Karma auflösen kann, muss ich es wollen; ich muss die Absicht fassen, fort vom ewigen Greifen, hin zur Ruhe. Das ist seltsam genug, denn die Absicht ist ja selbst ein Drängen, und so wende ich das Karma gegen das Karma, schicke den Kundschafter aus, einen Pfad zu finden, auf dem der Ochse einmal nicht mehr drängen muss. Doch die Absicht allein bewegt den schweren Ochsen nicht; er zieht seine alten Pfade, den Streit, das Haben-Wollen, die ihm eingewachsen sind. Es braucht das Zweite: dass ich ihn führe, ein ums andere Mal, den neuen Weg, gegen seinen Trieb, geduldig, wie man ein Tier schult. Erst wenn er den Weg der Ruhe oft genug gegangen ist, geht er ihn von selbst, und das Drängen wird seltener, leiser, lässt nach. Nicht ein Entschluss tut es, sondern die lange Mühe nach dem Entschluss.
Und nun sieh, wie sich das Karma auflöst, nicht im Großen und Fernen, sondern im Kleinen und Täglichen. Nimm einen Streit, wie ihn ein jeder kennt. Zwei stehen sich gegenüber, jeder im Greifen, jeder gewiss, im Recht zu sein, und das Leiden ist da, in beiden, heiß und wirklich. Ich leugne es nicht; das Leiden ist kein Wahn, es ist so echt wie ein Schlag. Doch nun schaue ich hin, statt zu stoßen. Ich sehe, woher es kommt, in mir und in ihm: dies Wort, das jenes Aufwallen weckte, dies Aufwallen, das aus einer alten Furcht steigt, und seine ebenso, Stück um Stück, ein Gefüge von Ursachen, das keiner gewollt und doch jeder genährt hat. Und indem ich es durchschaue, löst es sich; wir finden uns, wir einigen uns, das Drängen lässt nach. Die Glocke kommt zur Ruhe. Doch merke wohl: Sie bleibt nicht in der Mitte stehen, als gäbe es eine gerechte Mitte, die immer dieselbe wäre. Sie ruht, wo die Einigung sie ruhen lässt, hier so, dort anders, je nach den beiden und ihrer Sache. Ruhe ist nicht die Mitte; Ruhe ist, dass die Schwingung aufhört. Und ist sie verklungen, so ist auch das Leiden fort, nicht ertragen, nicht verbissen, sondern fort, weil das, was es trug, durchschaut und gelöst ist. So, und nicht anders, schwindet das Karma: ein Streit nach dem andern, ein Greifen nach dem andern, bis es stiller wird im Leibe.
Wird es aber stiller im Leibe, so tut sich etwas auf, das der gewöhnliche Mensch sein Leben lang nicht kennt. Denn der Leib hat Vermögen, die der nie erreicht, der ohne Unterlass der nächsten Befriedigung nachjagt. Und diese Vermögen sind von seltsamer Art: Sie bestehen nicht in einem Tun, sondern in einem Aufhören. Alles andere am Leibe ist ein Wirken, ein Hervorbringen; diese aber sind ein Innehalten dessen, was er sonst unablässig hervorbringt. Darum kann man sie auch nicht machen wollen, denn jedes Wollen wäre ja schon wieder ein Drängen, das die Glocke neu anstieße. Man kann sie nicht erzwingen, nur zulassen. Sie treten ein, wo das Karma schweigt, und nur dort. Sie sind nicht der Lohn der Mühe, sondern das, was übrigbleibt, wenn das Hindernis weg ist. Zweierlei solches Aufhören kenne ich, und ich will von beiden reden, schlicht, wie es geschieht.
Das erste ist dies. Wenn das Drängen weit genug zur Ruhe gekommen ist, kann der Leib einen Augenblick lang kein Ich mehr hervorbringen. Nicht weil man es niederzwänge, sondern weil kein Grund mehr da ist, es auszuschicken; es ist nichts zu greifen, nichts zu planen, nichts zu wollen, und so bleibt der Kundschafter, wo er ist. Dann ist da nur noch, was die Sinne tragen. Der Besen fährt über den Hof, ein Steinchen springt und schlägt an die Mauer, und dieser kleine helle Laut ist da, ganz und gar, und niemand ist da, der ihn hörte. Es ist nicht so, dass einer ihn hört; es ist nur der Laut, allein, vollständig, ohne einen davor und einen dahinter. In solchem Augenblick mag es sein, als wäre da kein Getrenntes mehr, kein Ich und keine Welt, nur ein ungeteiltes Eins. Doch über dies Gefühl ist sich der Leib zu täuschen leicht: Auch das Einssein ist nur eine Wahrnehmung, die er hervorbringt, wenn die Grenze, die das Ich zieht, einmal nicht gezogen wird. Es ist kein Tor in eine andere Welt. Es ist der Leib, der einen Atemzug lang wahrnimmt, ohne sich dazu einen Wahrnehmenden zu erschaffen. Der Stein klickt. Mehr ist es nicht, und es ist alles.
Das zweite geht tiefer, und es ist schwerer zu sagen, weil von ihm eigentlich niemand reden kann. Es gibt einen Punkt, da hört nicht nur das Ich auf, sondern das Bewusstsein selbst. Wenn auch das letzte Wahrnehmen keinen Grund mehr hat, kein Klang, kein Lichtschein, nichts, das zu ordnen oder zu halten wäre, dann bringt der Leib auch dies nicht mehr hervor. Er hört auf, bewusst zu sein. Es ist nicht Schlaf, denn im Schlaf träumt und regt sich noch vieles; es ist näher am Tode, und doch lebt der Leib, das Herz geht, die Wärme bleibt, das Mühlwerk dreht im Stillen seine Räder. Nur ist niemand da. Kein Ich, kein Schauen, keine Zeit, nicht einmal Dunkelheit, denn auch die Dunkelheit müsste ja einer sehen. Das ist das Todlose, mit dem Leibe berührt: nicht ein Jenseits, das man beträte, sondern das Aufhören selbst, an dem der Leib noch festhält, ohne dass einer es innewird.
Und nun das Seltsamste, und es ist das, woran sich am Leibe mehr erweist als an allem andern. Aus diesem Nichts kehrt keiner von innen zurück. Es ist niemand drin, der sagen könnte: nun will ich wieder. Was zurückholt, kommt von außen: ein Windhauch auf der Haut, ein Geräusch, ein Vogel, der schreit. Etwas trifft den Leib, und der Leib antwortet, und mit der Antwort fährt alles wieder auf, das Wahrnehmen, das Ordnen, zuletzt das Ich, das sich neu zusammensetzt, als wäre es nie fort gewesen. Die Kette beginnt von vorn, angestoßen von draußen, nicht von drinnen. Und darin liegt das Erwachen, nicht im Aussetzen, denn im Aussetzen ist ja keiner, dem etwas aufginge, sondern im Wiederauftauchen. Denn hieran zeigt sich am Leibe, was keine Lehre beweisen kann: dass kein Ich die Stille überdauert hat. Wäre es ein Herr im Hause, es hätte gewacht und wäre geblieben; es war aber fort, ganz fort, und ein Vogelschrei hat es zurückgerufen. So erweist es sich, dass es kein Insasse ist, sondern ein Werk, das der Leib aufhören und neu beginnen lassen kann. Der Leib bezeugt es, und nichts sonst vermöchte es.
Daraus weiß ich nun, was das Erlöschen ist, von dem die Lehre redet, und warum kein Bild es trifft als das eine: die Abwesenheit. Man hat es das Verlöschen genannt, und das ist gut gesagt, denn es ist kein Ort, kein Licht, kein Zustand, den man erlangte und hätte. Es ist ein Fehlen. Das Fehlen des Drängens, wo nichts mehr drängt; das Fehlen des Ich, wo keines gebraucht wird; und am tiefsten das Fehlen des Bewusstseins selbst, wo auch dies keinen Grund mehr hat. Alles, was die Lehre vom höchsten Ziel sagt, sagt sie in Verneinungen, und sie hat recht damit, denn es ist nichts Hinzukommendes, sondern lauter Weggefallenes. Nicht etwas wird erreicht; etwas hört auf. Und eben darum ist es kein Jenseits und braucht keines: Diese Abwesenheit ist nichts als ein Zustand des Leibes, sein stillster, der eintritt, wenn der Grund alles Lärmens schweigt.
Zuletzt
Eines noch, und das sagt der Laienbruder nicht mehr als Prüfung, sondern als Rat. Mancher, der dies liest, wird denken: Das ist viel verlangt, und ich bringe es nicht auf. Dem sei gesagt, und zwar von einem, der älter ist und manches gesehen hat: Er sei getrost. Er muss nicht heute sein, was ein langes Leben erst aus einem macht. Es drängt nicht so, wie es Ihm jetzt scheint.
Denn der Mensch ist nicht in jeder Zeit seines Lebens derselbe, und was in der einen recht ist, wäre in der anderen falsch. Wer jung ist, in dem brennt das Feuer hell. Er muss greifen und bauen, muss zeugen und streiten und sich die Welt nehmen; das Drängen treibt ihn, und es soll ihn treiben, denn das ist seine Zeit und seine Natur. Ihm zu sagen, er solle das Feuer löschen, wäre übel geraten; er würde sich nur Gewalt antun und es doch nicht vermögen. Im Alten aber ist das Feuer von selbst niedriger gebrannt. Was den Jungen jagte, lässt ihn los, nicht weil er stärker geworden wäre, sondern weil die Glut nachlässt, wie jede Glut mit der Zeit. Was also der eine kaum bezwingt mit aller Mühe, das nimmt dem andern das Alter sacht aus der Hand.
Das ist es, was ich den Älterwerdenden zum Trost sage: Das Karma, von dem all die Mühe handelt, löst sich am Ende nicht nur durch das Werk der Übung, sondern auch durch die Jahre, ganz von selbst. Denn das Drängen lebt von Nahrung wie ein Feuer vom Holz. Solange einer ihm immer neuen Anlass gibt, immer neues Wollen, neues Haben, neuen Streit, so brennt es fort. Doch das Alter nimmt ihm die Nahrung, eines nach dem andern. Was einst unbedingt sein musste, wird gleichgültig; was einst die Brust zerriss, lässt nur ein müdes Lächeln. Die Hand greift nicht mehr nach dem Klöppel, und so kommt die Glocke zur Ruhe, nicht weil einer sie festhielte, sondern weil keiner sie mehr anschlägt. Er muss das Erlöschen nicht erjagen. Es kommt Ihm entgegen, wenn Er nur lange genug geht.
Darum, und das ist die andere Hälfte des Rats, hüte Er sich, das Erlöschen zu erzwingen, ehe seine Zeit gekommen ist. Es gibt solche, die hören von der großen Stille und wollen sie mit Gewalt, mitten im vollen Saft ihrer Jahre. Sie reißen sich die Ziele aus der Brust, ehe das Leben sie sanft gelöst hat, und meinen, das sei der hohe Weg. Doch wer dem Feuer das Holz entzieht, solange es noch brennen will, der hat nicht Frieden, sondern eine kalte Stelle, wo das Leben sein sollte. Ich habe es gesehen: Wo einer die Antriebe abtut, ehe sie von selbst erloschen, da folgt nicht Ruhe, sondern eine Leere, die schwerer wiegt als alles Drängen, das er los sein wollte. Das Erlöschen zur rechten Zeit ist Friede; dasselbe zur falschen ist Lähmung. Er nehme sich davor in acht und glaube nicht, das Frühere sei das Bessere.
Eines aber ist niemals zu früh, und das lege ich Ihm ans Herz, sei Er jung oder alt: die gute Absicht zu fassen. Nicht das Erlöschen soll Er erzwingen, doch die Richtung darf Er heute schon wählen. Er lasse den Kundschafter schon jetzt nach dem rechten Pfade spähen; Er gewöhne den Ochsen schon jetzt, sacht und ohne Hast, an den Weg der Ruhe statt des Streites. Das tut Ihm keine Gewalt an, denn Er reißt sich nichts heraus; Er neigt sich nur, leise, in die gute Richtung. Und tut Er das durch die Jahre, so wird Er, wenn das Alter Ihm dann das Feuer senkt, nicht in eine Leere fallen, sondern in eine Ruhe, die gut ist und auf die Er sich sein Leben lang vorbereitet hat. Die Absicht ist das Werk; das Erlöschen besorgt die Zeit. So fängt jeder dort an, wo er steht, und keiner ist je zu früh dran und keiner zu spät.
Und ein Letztes, das schwerer wiegt als aller Rat. Es gibt in fast jedem Menschen eine Hoffnung, die nach oben blickt und nach außen, die ein Getragensein erwartet von irgendwoher, von einem Himmel, einem Herrn, einer Hand, die aus der Höhe nach ihm griffe. Diese Hoffnung wird müde, denn sie wird nicht gestillt; sie blickt in die Ferne und findet dort nicht, wonach sie sich sehnt, und kehrt hungrig zurück, ein Leben lang. Ich sage nicht, Er solle sie sich ausreden, denn das gelänge Ihm nicht. Ich sage nur, woran ich gefunden habe, dass sie von selbst verstummt. Sie verstummt nicht, wenn man sie bekämpft, sondern wenn das Getragensein wirklich eintritt, und es tritt ein, wo keiner es sucht: nicht von oben, sondern von unten, durch diesen Leib, der Ihn schon trägt und immer getragen hat. Der Ihn durch jede Nacht bringt und am Morgen wieder aufrichtet, der heilt, ohne gefragt zu werden, der atmet, während Er schläft, der Ihn hält durch alles hindurch, ohne Lohn und ohne Dank. Wer das einmal spürt, dem fällt die Hoffnung auf das Ferne ab wie ein Mantel, den er nicht mehr braucht, nicht weil er sie verloren hätte, sondern weil sie erfüllt ist. Er hat das Getragensein gefunden, das Er im Himmel suchte, und es war das Nächste von allem, näher als jedes Gebet: der warme, atmende Leib, der Er ist. Hier ruhe Er aus. Hier ist Er zu Hause.