Der Laienbruder beim Holzhacken an der Klause

Aufzeichnungen aus der Klause
Zwischen den Flüssen im Dharmaland

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Sonntag, Juni 14

Scrinium: Vom Stier und der Weite

Während der Nachtwache über den Dharma blätterte ich in meinen alten Aufzeichnungen, und es fiel mir eine Geschichte auf, die schon fast anmutete wie eine Kunst, mit der man das Leiden erkennt und beendet:

Da kündet ein Bruder, er habe, nachdem der Stier in ihm ihn getrieben hatte und keine Kuh zugegen war, mit der er sich hätte paaren können, einfach selbst Hand an sich gelegt. Und schwupps, da habe er sich erleichtert gefühlt wie im Nirvana. Offene Weite sei es gewesen.

In vielerlei Hinsicht ist dies ein gar trefflich Gleichnis! Denn es zeigt uns doch, was die Leere ist und wie sie wirket. Auch der Laienbruder weiß darum, ja, selbst im hohen Alter bricht der Stier noch hervor und treibt einen vor sich her. Man kann ihn nicht hinunterschlucken, sondern muss das Treiben irgendwann, wenn das Leid gar zu groß wird, beenden. Hat man das besorgt, so erfährt man die Abwesenheit des Elends, das man durchleiden musste, als der Stier einen noch vor sich hertrieb.

Und das ist die wahre Leere. Sie ist die Abwesenheit dessen, was zuvor war. Im ganz Kleinen darf man sagen: Das war der Geschmack des Nirvana! Denn was ist Befreiung anderes als das Aufhören dessen, was uns knechtet?

Wie die Leere wirkt, das hängt allein davon ab, wie man zu dem Ding steht, das nun vergangen ist. Klebt man fest daran, so ist es ein Verlust. Lehnt man es ab, so ist es ein Gewinn. Ist man gleichmütig, so ist es einem einerlei. Doch die Dinge entstehen und vergehen, so ist der Lauf der Welt, und darum spüren wir das Leid.

Doch halt: Jedes Ding, jede Form, birgt auch das in sich, was sie gerade nicht ist. Das ist die Leere in der Form. Wer gesund ist, der ist eben nicht krank. Wer lebt, ist nicht tot. Wer hungrig ist, ist nicht satt. Wo Stille ist, da ist kein Lärm.

Und wenn die Form vergeht, so bleibt die Leere von der Form. Und wie sie wirkt, das entscheidet allein das Anhaften an dem, was nun nicht mehr ist.