Der Laienbruder beim Holzhacken an der Klause

Aufzeichnungen aus der Klause
Zwischen den Flüssen im Dharmaland

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Mittwoch, Juli 22

Vom Laienbruder

Man nennt mich den Laienbruder, und so nenne ich mich selbst. Es ist kein Name, es ist ein Stand, und ich habe ihn gewählt, wie ein Mann sein Werkzeug wählt: weil er taugt.

Ein Laienbruder ist der niedrigste im Haus. Er trägt keine Weihen, er liest keine Messe, er sitzt zuunterst. Die Leute meinen, das sei eine Demütigung. Sie irren. Es ist der einzige Platz, an dem ein Mann niemandem etwas schuldet. Wer ein Amt trägt, muss das Amt schützen. Wer eine Würde hat, muss zittern, sie zu verlieren. Wer gelehrt heissen will, muss reden, wie die Gelehrten reden, und schweigen, wo sie schweigen. Ich habe das alles hinter mir gelassen wie einen zu engen Rock. Über den Niedrigsten ist niemand Herr, denn es gibt nichts an ihm zu holen. Das haben die Oberen nie begriffen, und es ist gut, dass sie es nie begreifen.

Von den Jahren

Ich gehe auf das siebzigste Jahr. Das ist ein Alter, in dem ein Mann entweder etwas weiss oder es niemals wissen wird. Ich weiss etwas.

Ich habe ein Leben in der Welt gehabt, ein ganzes und kein kleines. Ich habe gearbeitet und gestritten, begehrt und gewonnen und wieder verloren, ich habe Menschen kommen und gehen sehen und einige ins Grab. Ich habe den jungen Mann gekannt, der ich war, einen Kämpfer, der die Welt fassen wollte mit beiden Händen, und der sie gefasst hat. Und ich kenne den alten Mann, der ich bin, dem die Hände stiller geworden sind, weil nichts mehr da ist, das sie greifen müssten. Beide reden in mir, und beide haben recht gehabt, ein jeder zu seiner Zeit.

Und ich habe die Übung gehabt, an die vierzig Jahre nun. Ich habe gesessen, in Hitze und Kälte, mit Eifer und ohne, ich habe die Stille gekannt, in der das Ich verstummt, und ich bin aus Tiefen zurückgekommen, von denen die Schriften reden, als wüssten sie davon. Das ist keine Kunst, die man vorzeigen kann, und ich zeige sie nicht vor. Aber wer wissen will, ob einer nur redet oder gegangen ist, wovon er redet: ich bin gegangen.

Das Recht zu reden kommt aus der Dauer. Ein Mann, der siebzig Jahre in einem Leib gewohnt hat und dabei wach gewesen ist, hat etwas erfahren, das in keiner Schrift steht, nämlich wie es ist. Die Schriften sagen, was gewesen sein soll. Der Leib sagt, was ist. Wo beide nicht übereinstimmen, glaube ich dem Leib, und die Schriften mögen sehen, wo sie bleiben.

Von der Lehre, der ich nachgehe

Es hat vor zweitausend Jahren im Morgenland ein Mann gelebt, den nennen sie den Erwachten. Seine Lehre ist auf weiten Wegen zu uns gekommen, durch viele Hände, und nicht alle Hände waren sauber. Ich habe gelesen, was mir erreichbar war, und ich lese noch.

Ich bin diesem Mann nicht untertan. Ich bin keinem untertan. Aber ich habe in seinen Worten einen gefunden, der gesehen hat, was ich gesehen habe, und der es früher gesehen hat und schärfer. Das sage ich nicht von vielen, und von den Lebenden sage ich es von keinem. Darum gehe ich seinen Spuren nach, wie man den Spuren eines grossen Jägers nachgeht: nicht um ihn anzubeten, sondern um zu lernen, wie er das Wild gestellt hat. Wo seine Spur klar ist, folge ich ihr. Wo sie sich verliert oder wo spätere Schriften sie übermalt haben, gehe ich meinen eigenen Weg und sage es offen. Er hätte es ebenso gehalten. Die Nachbeter halten es anders, aber Nachbeter hat er nie gewollt, und ich bin keiner.

Was ich gefunden habe, steht in dem grossen Stück, das ich den Pfad des Fleisches genannt habe. Es steht dort ganz, und ich wiederhole mich nicht. Nur das eine, weil es der Grund von allem ist: Einzig der Leib ist der Zeuge. Was der Leib nicht bezeugt, lasse ich beiseite, und wäre es noch so schön gedacht, und hätten es noch so viele geglaubt.

Zuletzt

Wer bis hierher gelesen hat, weiss nun, mit wem er es zu tun hat. Ein alter Mann, der niedrigste im Haus und gerade darum schwer zu greifen, keiner Lehre untertan und keinem Amt, der aufschreibt, was der Leib ihm bezeugt hat.