Vom Unwissen
Der Buddha sprach (SN 12.2):
"Was aber, ihr Mönche, ist Unwissen? Das Leiden nicht kennen, die Entstehung des Leidens nicht kennen, das Aufhören des Leidens nicht kennen, den Weg nicht kennen, der zum Aufhören führt. Das nennt man Unwissen."
Ich habe diese Stelle oft gelesen und mich jedes Mal gewundert, wie klein sie ist. Man erwartet vom Unwissen etwas Grosses. Man erwartet, dass es die Welt umfasst: die Sterne nicht kennen, die Schrift nicht kennen, die Gründe der Dinge nicht kennen. Nichts davon. Der Buddha nennt vier Stücke, und alle vier handeln von einer einzigen Sache: vom Leiden und seinem Getriebe.
Das ist kein Gelehrtenwissen. Das ist Handwerkerwissen. Wenn dem Bauern das Vieh krankt und er weiss nicht, woher es kommt, so wird er weiter füttern, was es krank macht. Er ist nicht dumm. Er ist unwissend in einem einzigen Stück: er kennt das Getriebe nicht. Kennt er es aber, so ist dem Übel abzuhelfen. Nicht anders ist das Unwissen gemeint: die Entstehung des Leidens nicht kennen heisst, seine Gründe nicht kennen. Nicht die Gründe der Dinge verlangt der Buddha. Er verlangt die Gründe des eigenen Leidens: das Wissen des Handwerkers, der dem Schaden nachgeht, bis er den Grund gefunden hat. So eng und so nüchtern ist das Unwissen gefasst, von dem der Buddha spricht, in der alten Sprache avijja genannt. Es ist ein Mangel, kein Fluch.
Die späteren Schriften haben es anders gehalten. Aus den vier Stücken wurden acht: dazu die Vergangenheit, die Zukunft, beide zusammen, und das Gesetz der bedingten Entstehung selbst. Und dann wurde das Unwissen verlegt, hinaus aus diesem Leben, hinein in ein früheres. Dort, so heisst es, liege der Anfang der Kette: ein Unwissen, das nicht das meine ist, das mir aber anhängt wie eine Schuld, die der Vater gemacht hat. Die Kette selbst hat der Buddha gelehrt. Dass aber ihr erstes Glied in einem früheren Leben liege, das haben erst die späteren Schriften so gesetzt. Aus dem Mangel, dem abzuhelfen war, wurde ein Erbstück. Aus dem Handwerkerwissen wurde eine Lehre über Leben, die niemand gesehen hat.
Ich halte mich an die vier Stücke. Was ich nicht kenne, ist mein eigenes Wollen. Es formt in mir, ehe ich es sehe: der Griff nach dem, was schmeckt, das Zurückweichen vor dem, was schmerzt. Die Alten nannten drei Gifte: das Greifen, das Zurückstossen, und als drittes die Blindheit selbst. Die ersten zwei sind das Getriebe, das dritte ist, dass man es nicht sieht. Darum, wer das dritte heilt, heilt die andern beiden mit. Doch Namen heilen nicht. Der Handwerker fragt nicht, wie das Übel heisst. Er fragt, woher es kommt: was da greift, wonach es greift, und warum. Der Ort aber, an dem sich das Wollen zeigt, ist der Leib. Im Leib meldet sich das Wollen, ehe der Kopf davon weiss: als Zug, als Druck, als Hitze. Dort kann man es besehen, dort kann man es kennen lernen. Ein Vorleben brauche ich dazu nicht.
Wie ich es halte, will ich zeigen. Sagt einer am Tisch ein Wort, das mich sticht, so meldet es sich im Leib, ehe ich denken kann: eine Hitze in der Brust, ein Ziehen, dem Wort zu antworten. Ich gehe der Hitze nach wie der Bauer dem Schaden. Woher kommt sie? Nicht vom Wort. Das Wort hat nur getroffen, was da war: das alte Wollen, für etwas gehalten zu werden. Das ist der Grund. Und ist er gefunden, so fällt die Hitze zusammen wie ein Feuer, dem man das Holz nimmt. Antworten mag ich dann immer noch, und scharf, wenn es die Sache verlangt. Aber die Antwort kommt von mir, nicht von der Hitze. Das Wollen ist damit nicht tot. Es kommt wieder, morgen, an anderem Ort. Aber es kommt zu einem, der es kennt.
Vom Auflösen dieses Wollens habe ich im Pfad des Fleisches gehandelt. Um nichts anderes geht es dort: um das Karma, das zum Leid führt, und wie es sich löst. Karma ist kein Schuldbuch, das ein Richter führt, und keine Last aus einem früheren Leben. Es ist das bedingte Wollen, das in mir formt und weiterformt. Nicht jedes Wollen führt zum Leid; das blinde führt dahin, das ungekannte. Wer es aber im Leib besieht, Tag um Tag, Grund um Grund, dem löst sich das Blinde auf. Das Wollen bleibt, aber es hat nun einen Herrn. Nicht durch Busse, nicht durch Gnade: durch Kennen.
Das Unwissen, von dem der Buddha sprach, ist also kein Schicksal und keine Nacht, die über der Welt liegt. Es ist das Nichtkennen eines Getriebes, das in jedem läuft und das jeder besehen kann, der hinschaut. Darum steht es am Anfang der Kette: nicht weil es das Älteste wäre, sondern weil mit ihm das Blinde anfängt. Und darum endet die Kette auch dort: wer das Getriebe kennt, füttert nicht länger, was ihn krank macht.
Zuletzt ein Trost für den, der dies liest. Das Unwissen abzutun ist nicht schwer. Dass dennoch zwanzig und dreissig Jahre darüber hingehen, liegt nicht an der Sache, sondern am Suchen: Er verrennt sich im Jenseits, Er will mit einem Schlag sein ganzes Leiden beendet haben. Das ist kein Weg, das ist nur weiteres Leiden. Das Wissen liegt vor Ihm, und es ist nicht schwer zu verstehen. Nur genügt es vielen Anhängern nicht. Es ist ihnen zu gering, es bringt nicht die gewaltige Verwandlung, die sie sich versprechen. Das ist Gier in ihrer reinsten Gestalt, das erste Gift mitten im frommen Streben: die Gier nach einer erdachten Welt, nach dem Schlaraffenland, das es nicht gibt. Die Welt aber ist hier, das Leid ist hier, und es will erkannt sein. Das ist nicht schwer. Nur die Frucht ist schlichter, als Er sie sich vielleicht wünscht.