Vom Kämpfer Chah
Während der Nachtwache über den Dharma dachte ich über einen anderen Menschen nach, dessen Geschichte ich unlängst gehört hatte.
Es geht um den Mönch Chah, der sich ein Beispiel am Buddha nahm und zwei Nächte auf dem Leichenfeld verbrachte, um seine Angst zu überwinden. Genau, wie es der Buddha tat. Der einzige Unterschied war, dass der Buddha niemanden hatte, der ihm vorausgegangen war und dessen Beispiel er folgen konnte. Er musste es allein herausfinden. Chah nun hatte den Buddha, der ihm diesen Weg wies. Aber eigentlich ist das nicht wichtig.
Auf dem Leichenfeld wurden verstorbene Menschen begraben und verbrannt. In der ersten Nacht brachte man ein Kind und begrub es unmittelbar neben dem Platz, den sich Chah gewählt hatte. Die Bambusstangen, auf denen man es getragen hatte, ließ man liegen, und sie wurden sein Bett. In der zweiten Nacht brachte man einen Mann und verbrannte ihn, wieder dicht vor seinem Platz. Die Leichenwärter fragten den Mönch, ob er die alten Gesänge aufführen wolle, zum Wohle des Menschen, der dort lag. Chah aber lehnte ab. Nicht weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte, denn er war von der Angst ergriffen, die er hier zu überwinden suchte.
Im Laufe der Nächte nun, während und nach der Verbrennung, durchwanderte Chah seine Angst. Er hörte Schritte im Laub, die kamen, einen Bogen um ihn machten und wiederkamen. Er weinte, wie er noch nie geweint hatte, und am Ende vergaß er sogar Buddha und Dharma. Dafür war kein Platz mehr in seinem Geist, denn er war vollständig von Angst erfüllt.
Und dann, als die Angst stieg wie Wasser im Glas, lief sie über. In diesem Augenblick fragte etwas in ihm: Wovor fürchtest du dich? Vor dem Tod, antwortete es. Und wo ist der Tod? In dir. Wohin also willst du laufen? Das war keine Lehre, die er sich vorsagte, denn Buddha und Dharma waren ja vergessen. Es war das, was der Geist unter dem äußersten Druck von selbst hervorbrachte. Und im nächsten Augenblick war die Angst verschwunden. Er sprach davon, dass ihn statt der Angst die Nicht-Angst erfüllte, aber das ist nur ein anderes Wort für die Abwesenheit der Angst, die vorher seinen Geist eingenommen hatte, bis er überlief. Es ist die Leere nach der Fülle.
Als er am Morgen aufstand und sein Wasser ließ, fand er Blut darin. Sofort meldete sich die Angst wieder. Wurde ich innerlich zerrissen, fragte er sich. Und er beruhigte sich selbst, indem er sich sagte, dass er dann eben sterben würde.
* * *
Ich stand von meinem Lehnstuhl auf. Es war tiefste Nacht, und ich ging nach draußen, vor die Klause, wo ich mich auf die Bank setzte und mir eine Pfeife stopfte, während ich lauschte und schaute. Außer der Glut meiner Pfeife war da kein Licht. Ich hörte nur die Geräusche der Nacht: ein Rascheln im Gras, das Knacken eines Astes im Wald, weit weg den Ruf eines Käuzchens. Und dann merkte ich dieses mulmige Gefühl. Hier zwischen den Flüssen leben auch Wölfe. Was ist, wenn sie sich gerade jetzt anschleichen? Ich betrachtete das Gefühl. Es war da. Ich konnte es nicht ausmerzen. Und, ehrlich gesagt, wollte ich es auch nicht, denn die Gefahr war vorhanden, ich bildete sie mir nicht ein. So etwas macht der Leib von sich aus. Er weiß es, bevor eine Gefahr Wirklichkeit wird. Die Angst ist eine Warnung, ein Rütteln, auf dass man sich entschließe, den Ort zu verlassen.
Und so tat ich es. Ich ging in die Klause zurück und schloss die Tür, jedoch nicht, ohne mich noch einmal umzuschauen, um sicherzugehen, dass mit mir kein Wolf in die Klause schlüpft. Auch schob ich dieses Mal den Sperrbalken vor die Tür. Sicher ist sicher. Die Angst verschwand, und ich nahm wieder im Lehnstuhl Platz.
* * *
Während der weiteren Nachtwache kam mir der Gedanke, was Gautama, der spätere Buddha, wohl gemacht hätte, wenn statt des Pfaus ein Tiger vor ihm gestanden hätte. Hätte er seine Haltung beibehalten? Gehen, Sitzen, Liegen? Ich werde Euch sagen, was passiert wäre. Der Leib hätte gehandelt, ohne den Verstand überhaupt zu fragen. Er wäre gelaufen, wie er noch nie gelaufen wäre, gleichviel, ob er vorher ging, saß oder lag. Der Leib fragt dann nicht mehr, sondern handelt aus seinem tiefsten Innern heraus, angelegt über eine unendliche Kette von Vorfahren. Allein, um nicht gefressen zu werden. Der Leib hätte nur noch aus Angst bestanden, kein Platz für anderes. Und diese Angst hätte ihn zu Unglaublichem befähigt. Vielleicht hätte er den nächsten Baum erklommen, obwohl er kein Baumkletterer war. In diesem Augenblick hätte er gemerkt, dass Angst etwas Natürliches ist, das schützt und zu höchsten Leistungen befähigt.
Ich vermute, Gautama wusste um die Gefahren. Er wird die Orte gekannt haben, die er aufsuchte, und die Nächte, in denen keine Tiger gingen. Aber ganz gewiss konnte er dessen nicht sein, und vielleicht liegt gerade darin die Übung: Sie geschieht in jenem Grenzland, wo der Leib Gefahr meldet, die kein Kundschafter bestätigen oder verneinen kann. Ein Knacken im Dickicht. Ein Tier oder ein Geist oder nichts. Dort, und nur dort, lässt sich die Angst befragen.
Anders bei Chah. Ihn ängstigte keine Gefahr, sondern das Jenseits, die Geister der Toten. Diese zu verlieren, ist keine schlechte Sache. Allerdings scheint ihn der Verlust der Angst so berauscht zu haben, dass er fortan überall den Kampf suchte. Er wandte diese Übung auch auf das Hungergefühl an und auf den Schlaf, ja eigentlich auf alles, wo er meinte, der Geist bremse. Da ist die Askese nicht weit. Und die hat der Buddha verworfen.
* * *
Die Nachtwache ging ihrem Ende zu, und meine Gedanken kamen zur Ruhe. Die Natur hört nicht an der äußeren Haut auf. Sie schließt alles ein, auch die Angst, die in mir aufstieg, als ich draußen auf der Bank saß. Wir müssen verstehen, was nicht vollständig zu verstehen ist. Die Angst hat ihren Grund. Diese Angst ehre man und folge ihr, denn sie ist älter und klüger als der Verstand. Die Angst aber, deren Gegenstand nur in der Vorstellung besteht, wie Chahs Angst vor den Geistern, kann man überwinden, indem man sich ihr stellt und stehen bleibt, bis sie überläuft.
Und mit dieser Erkenntnis schlief ich ein. Natürlich nicht, ohne noch einmal einen Blick zum Sperrbalken zu werfen. Sicher ist sicher.