Der Laienbruder beim Holzhacken an der Klause

Aufzeichnungen aus der Klause
Zwischen den Flüssen im Dharmaland

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Samstag, Juli 25

Von der Tilgung einer Schuld

 Ich stand vor der Klause und sah dem Ochsenkarren nach. Es war Ollen Jan, der Bauer aus der Nähe. Wenn er hier vorbei fuhr, brachte er mir ein Roggenbrot mit, das sie auf seinem Hof backten, und einen großen Krug Milch. Meinen leeren Krug nahm er dann gleich wieder mit.

Wir hatten uns darauf verstanden, es so zu handhaben. Entweder kam ich bei ihm vorbei oder er zu mir. Als ich zu ihm ging und ihn bat, mich künftig mit Brot und Milch zu versehen, drückte er mir zuerst alles in die Hand. Als ich meinen Beutel zog, um ihn zu bezahlen, winkte er ab.

Ich fragte, warum er mich nicht bezahlen lässt und er antwortete:

"Lasst stecken, Bruder. Es gibt keinen wie Euch hier und so will ich Euch ein wenig unterstützen."

"Ollen Jan, Ehre gebührt Ihm. Aber Er weiß, ich bin kein Bettelmönch sondern ein Laienbruder, der aus wohlhabendem Kaufmannshause kommt. So einer macht keine Schulden, auch wenn sie noch so klein sind. Und so bestehe ich, Ihn zu bezahlen."

"Gut, gut, Bruder, ich kenne Euch. Und Ihr wisst ebenso wie ich, dass dieses Geplänkel sein muss. So gebietet es der Brauch. Und nun gebt mir endlich mein Geld!", lachte er und hielt mir seine schwielige Hand hin.

Ich grinste und bezahlte ihn. Er wusste, was sein musste. Es war auch eine Prüfung. Und obwohl er mich kannte, diese Vereinbarung war neu und so gebot der Brauch das Geplänkel.

* * *

Der Brauch ist das, was Bauernschaften verbindet. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Nachbar oder sogar der Übernächste zu Festen eingeladen wird. Und dass man mit ihnen zechen muss, gleichgültig, ob man den Nachbarn mag oder nicht, ob man ein Trinker ist, es verträgt oder nicht. Es ist genau festgelegt, welcher Nachbar Seinen Sarg trägt und wer nicht zu kommen hat. Er braucht sich aber auch nicht zu sorgen, wenn Seine Kuh kalbt und Er das Kalb allein nicht aus der Kuh ziehen kann. Der Nachbar ist da. Und wenn Sein Hof brennt, so steht der Nachbar neben Ihm und löscht. Ebensolches wird von Ihm verlangt. Das ist der Brauch.

Brauch ist aber auch, dass nichts direkt gesagt wird. Jeder Streit wird zugedeckt, denn jedem ist bewusst, dass ein Streit lichterloh bis zur Fehde brennen kann. Insgeheim wird dann getuschelt, mehr aber nicht. Man steckt sich nicht in den Streit anderer, bezieht keine Stellung. Das ist die andere Seite. Aber genau die sorgt dafür, dass das ungeschriebene Gesetz funktioniert. Jahrhunderte lang. Eins bedingt das andere.

Ollen Jan hat den größten Hof weit und breit. Er hat viel eigenes Land und wenn er neue Weiden oder Acker braucht, so verpachten die kleineren Bauern sie ihm. Selbst Bauern, die von ihrem Hof nicht leben können, arbeiten bei ihm. Er hat um die dreißig Knechte auf dem Hof, viele davon Bauern aus der Umgebung. Alle sind sie von Ollen Jan abhängig, doch ebenso ist er von ihnen abhängig. All dies trägt das ungeschriebene Gesetz.

* * *

Wie tief Ollen Jan im Brauch verwurzelt ist, zeigt eine Geschichte, die ich selbst miterlebt habe. Sie ist wahr und keine Legende:

Ollen Jan gab ein Fest. Er lud einmal im Jahr alle Nachbarn ein, mit Kindern, um sich bei ihnen zu bedanken. Er hatte den größten Hof und er machte es gern. Auch ich, der Laienbruder, war geladen, denn auch ich war sein Nachbar.

Und so versammelten sich alle auf seinem Hof. Es war geschmückt, es gab reichlich zu Essen und zu Trinken und die Kinder spielten zusammen.

Auf dem Hof gab es einen Hund. Dieser war schon älter. Man sah, dass er Schwierigkeiten mit den Hinterläufen hatte, er war leicht gebückt und hatte sicherlich Schmerzen. Aber der Hund hatte durch und durch ein gutes Gemüt. Freute sich bei jedem, der auf den Hof kam. Jeder konnte ihn streicheln. Aus diesem Grund war er nie angeleint sondern lief frei herum. Ollen Jan liebte ihn, das sah man. Er nahm ihn oft mit auf den Acker, hob ihn vorsichtig auf den Ochsenkarren wegen der Hinterläufe.

Die Kleinen tollten auf dem Hof herum. Sie spielten mit dem Hund, wie Kinder es nun einmal tun. Wir Grossen achteten nicht darauf sondern redeten miteinander, assen und tranken.

Da gab es einen Schrei. Wir schreckten auf und sahen, dass ein Kind mit dem Rücken am Boden lag, und der Hund stand mit den Vorderläufen auf dessen Brust und fletschte die Zähne. Als wir näherkamen und den Hund wegzogen, sahen wir, dass der Hund dem Kind in die Brust gebissen hatte. Die Wunde war nicht tief. Doch das Kind schrie, und die Leute waren entsetzt.

Sofort nahm Ollen Jan den Hund und führte ihn zum Haus, wo er ihn an die Kette legte. Er kam zurück und entschuldigte sich beim Kind, beim Vater, bei der Mutter. Man sah ihm die Scham an.

Wir fragten uns, was geschehen war, befragten die Kinder. Und es scheint so, als wäre dem Hund das Spiel, das die Kinder mit ihm trieben, zu viel geworden. Vielleicht wegen seiner Schmerzen an den Hinterläufen. Wir wussten es nicht. Die Wunde war nicht tief. Nachdem sie versorgt war, spielte das Kind bald wieder, und das Fest ging weiter.

Tage später wunderten sich die Leute, dass der Hund nicht mehr auf dem Hof herumlief und man dachte, er wäre an der Kette, wegen des Vorfalls mit dem Kind. Einer fragte Ollen Jan dann, wo denn der Hund sei.

"Er ist vor den Ochsenkarren gelaufen", sagte Ollen Jan und ging fort.

Es wurde nie mehr nach dem Hund gefragt, denn jeder wusste nun, was geschehen ist. Ollen Jan hatte den Hund getötet. Wegen dieses Vorfalls mit dem Kind. Den Hund, den er liebte.

Ich weiß nicht, wie Ollen Jan es getan hat. Ob er ein Beil genommen hat oder ihn angebunden und dann mit dem Ochsenkarren überfahren hat. Keiner weiß es. Aber jeder weiß, was Ollen Jan auf sich genommen hatte. Und damit war die Schuld getilgt. Mehr als das.

* * *

Für mich als Laienbruder war das eine Lektion, wie diese Leute Schuld sehen, welch Wert das in ihrer Gemeinschaft hat. Keiner will etwas schuldig sein. Über den Preis mag einer sinnen. Doch dass die Schuld getilgt ist, bestreitet keiner. Sie ist aus der Welt, bezahlt mit dem eigenen geliebten Hund.